S-F: Seit dem letzten Studioalbum „Minddiver“, in meinen Augen übrigens eins der besten GUG Alben ever, sind jetzt über drei Jahre ins Land gegangen. Was passierte in dieser Zeit bei Euch als Personen und Band?
Wir haben zur „Minddiver“ getourt und uns danach eine Auszeit gegönnt, um uns zu sammeln und neue Kräfte zu tanken. Axel ist als Livemixer ohnehin ständig mit anderen Bands unterwegs und Hauke und ich haben uns eher ins Private zurückgezogen. Habe ja, wie Du weist, auch beruflich seit etlichen Jahren mit Musik zu tun, von daher bleibt ja der Kontakt in die Musikszene, mit dem Unterschied, dass man sich selbst mal mehr zurückhält.
S-F: Nun steht ja das neue Album „Zyklus“ am Start. In der Presseinfo wird von einem Abschluss und gleichzeitigem Neuanfang gesprochen. Ist das so?
Na, das will ich doch mal hoffen!! Wenn der Neuanfang wegbleiben würde, wäre es wohl das letzte Album. Und das wäre nach meiner jetzigen Sicht der Dinge relativ schade. Nee, aber mal im ernst. Bei einem „Zyklus“ geht es doch darum! Wenn Endpunkt und Anfangspunkt nicht identisch wären, wäre es ja kein „Zyklus“.
S-F: 2004 habt Ihr ja einen Labelwechsel zu Dependent vollzogen. Wie kam es denn dazu? Immerhin steht ja Dependent eher für reinen Elektro, was ja für Euch nicht unbedingt zutrifft.....
Wir hätten „Zyklus“, wie ursprünglich geplant, natürlich auf unserem eigenen Label rausbringen können, aber wir wussten, dass wir so ein Album mit eigenen Mitteln nicht optimal umsetzen können. Es gibt wenig Indielabels in Deutschland, die mir durch wirklich gute arbeit für ihre Bands positiv aufgefallen sind. Klar, da gibt’s schon welche und wir waren auch mit einigen in Kontakt, unabhängig von der musikalischen Ausrichtung. So wie Girls Under Glass stets bemüht sind, über den Tellerrand zu schauen und verschiedene musikalische Impulse zu einem Ganzen neu zu verarbeiten, so gibt es zum Glück auch Labels, die sich nicht nur in ihrer „Schublade“ einnisten. Dass Stefan Herwig extra für den Girls-Release ein eigenes Sublabel gründen würde, war nicht vorhersehbar. Von daher hatten wir tatsächlich nicht unbedingt mit einer Zusage von ihm gerechnet. Er findet das Album klasse und wollte es unbedingt machen und hat dann eben eine neue Marke ins Leben gerufen, damit Dependent kein Gemischtwarenladen wird. Finde ich sehr konsequent und mit Sicherheit für alle Beteiligten die beste Lösung. Kurz: Dependent gehört definitiv zu den Labels, die für ihre Bands hervorragende Arbeit leisten, was sich in den Erfolgen von z.B. VNV Nation, Covenant oder Suicide Commando dokumentiert.
S-F: Zum Thema GUG Sound: Ihr beschreibt Euch auf Eurer Homepage selbst als „führende Repräsentanten modernen Alternative-Gothik Sounds“. Nun ist die Musik von GUG ja schon seit jeher eine sehr ausgewogene Mischung aus Elektro und Gitarre gewesen. Ist das denn der Sound der Zukunft? Oder anders gefragt: gibst Du den lupenreinen Elektrobands, die ja alle recht gerne auf den angesagten Wellen mit reiten, noch eine lange Überlebenschance?
Na ja, es geht weniger darum, was der Sound der Zukunft ist und wenn, wird dieser sicherlich nicht von Girls Under Glass definiert. Es geht eher darum, dass wir zu den wenigen Bands gehört, die sehr lange musikalisch aktiv sind und sich dabei trotzdem nicht wiederholen, stehen bleiben, stagnieren, sondern eher versuchen, Dinge weiter zu bringen, neu zu definieren, neue Impulse in die Musik mit einzubringen. Wir haben uns nie in eine Schublade stecken lassen oder Musik für eine bestimmte „Szene“ gemacht. Wir sind freischaffende „Künstler“ und haben letztlich die Freiheit, Dinge zu tun, wie WIR sie uns vorstellen. Die Möglichkeit haben Andere auch, sie nutzen sie aber nur zu selten oder ungenügend. Deswegen würde ich Girls Under Glass als „Moderne“ Band bezeichnen. „Gothic“ ist nicht modern! „EBM“ auch nicht. „Rock“ ist noch unmoderner, aber das was wir daraus machen ist, diese Sounds von ihren selbst gesteckten Grenzen zu befreien und zu etwas „neuem“ zu führen. Das nenn ich „Modern“.
S-F: Zurück zum neuen Album: Wie eben schon erwähnt findet sich hier wieder die perfekte Symbiose aus Elektronik und Gitarre, auch wenn letztere ab und an recht heftig rüberkommen. Welche Songs würdest Du denn besonders hervorheben wollen und warum?
Ich würde gar keine Songs hervorheben wollne, da es unser Anliegen war und ist, das Album als Gesamtwerk so perfekt wie möglich hinzubekommen, die Facetten unserer Musik ausgewogen zu einem Ganzen zu verarbeiten und der Platte/CD eine Atmosphäre zu geben, die sich durch das Album durchzieht und sich trotzdem ständig modifiziert. Ich denke, wer das Album kennt, wird relativ genau wissen, was ich meine. Es gibt Songs, die wirken auf dem Album, weil sie an der entsprechenden Stelle einfach richtig platziert sind und dem Album als Gesamtwerk gut tun. Die wären als B-Seite für ne Single oder als Opener fürs Album hingegen komplett verschwendet oder würden eben ganz anders wirken. Selbst die Single funktioniert danach. 3 verschiedene Songs, die jeder für sich eine eigene Wirkung haben und somit zu einem starken Gesamtergebnis führen. Deswegen möchte ich keine besonderen Songs rauspicken. Ich finde es jedoch immer wieder erstaunlich wie gut rein elektronische Songs neben stark gitarrenlastigen Songs funktionieren und wie man die teils sehr düster/melancholische Grundstimmung des Albums durchbrechen kann, ohne den Faden zu verlieren.
S-F: Was hebt denn „Zyklus“ in Deinen Augen von „Minddiver“ ab?
Die Produktion an sich ist schon mal um Längen besser. Die Gesangs- und Gitarrensounds sind dabei besonders hervorzuheben. „Minddiver“ war eine Elektroplatte mit ein paar Gitarren drauf, was nicht abwertend gemeint ist. „Zyklus“ hingegen bringt diese girls-typische Symbiose zu einem wesentlich höheren Level. Dadurch wird die Platte einfach intensiver. Ich finde auch die Songs auf „Zyklus“ noch etwas stärker, vielleicht aber auch nur weil ich weiß, wie viel mehr Arbeit und Energie wir in diese Platte gesteckt haben. Da gehen die Geschmäcker wahrscheinlich auch auseinander. Alle, die bislang irgendwelche GUG CDs verglichen haben sind bislang der Meinung, dass „Zyklus“ schon das intensivste und fetteste Album ist. Von daher glaube ich nicht, dass ich mich in meiner Ansicht täusche. Aber es wird sicherlich auch Leute geben, denen „Minddiver“ aus welchen Gründen auch immer, besser gefällt und das ist ja auch in Ordnung so.
S-F: Als erste Single wurde ja „Ohne dich“ ausgekoppelt. Wer hat dafür denn Peter Spilles an Land gezogen und wie kam man ausgerechnet auf ihn? Hamburger „Lokalmatadorik“?
Na ja, an Land ziehen musste ich ihn nicht. Ein Anruf hat genügt. Bzw., Peter wollte sich den Track und das gesamte Album schon mal anhören, um zu hören, was jetzt eigentlich gerade so bei GUG abgeht. Als er „Ohne Dich“ gehört hat, war auch ihm klar, warum wir für diese Tracks gerade ihn gefragt haben. Das passt einfach wie Faust auf Auge. Das war mir klar, das war ihm klar. Klingt vielleicht etwas „werberisch“, aber ich höre da in diesem Song schon leichte Anleihen an einige ältere Pitchfork Titel (mal von den Gitarren abgesehen) und bin als Erstes auf Peter gekommen. Das hat mit Lokalmatadorik eigentlich nichts zu tun. Hätten wir oder das Label eine andere Single gewählt, hätten wir jemand anderen gefragt. Und Peter war auf jeden Fall der einzige Deutsche auf unserer Wunsch-Liste, und zumindest der Einzige der für „Ohne Dich“ in Frage gekommen ist.
S-F: Wie ist eigentlich die Aufgabenverteilung in der Band? Wer schreibt die Texte, wer die Musik und wie läuft der Rest ab?
Die Texte schreibe ich zum Großteil. Die Musik erarbeiten wir gemeinsam als Band, meistens in 2er Gruppen. Bei „Zyklus“ haben Hauke und ich den Großteil gemacht, mit starker Unterstützung und instrumentalen Input unseres Producers JP Genkel. Auf den letzten Platten war Axel etwas tiefer ins Songwriting integriert und hat sich dann vor allem mit Hauke um die Produktion und um das Mixing gekümmert. Das fiel diesmal weg, da wir den Job extern ans Impulsstudio bzw. an JP Genkel gegeben hatten. Wir gucken eigentlich schon bei jedem Album, wer sich wie am besten einbringen kann. Das ist bei uns keine statische Verteilung.
S-F: GUG gibt es ja nun schon fast 20 Jahre, was für eine Band, die abseits des Mainstreams agiert, sehr lange ist. Ihr vereint in Eurem Publikum mittlerweile mindestens zwei Generationen von Leuten. Wenn Du zurückblicken sollst, was würdest Du zum Thema eigene Bandentwicklung sagen und was fällt Dir am meisten auf, wenn Du die ganze Szene betrachtest, die Eure Musik hört?
Zum Thema der Entwicklung möchte ich nicht viel sagen, da ich hoffe, dass diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Man kann allerdings seit 1999, wo die Equilibrium erschienen ist, deutlich raushören, dass unsere experimentelle Phase allmählich abklingt und wir einfach wissen, welche Art von Songs und Sounds wir am besten rüberbringen können. Das ist sozusagen eine Konzentration auf die alten Tugenden und darauf, als „WAS“ Girls Under Glass damals angefangen haben. Innerhalb der relativ geradlinigen Entwicklung seit 1999 sind wir mit „Zyklus“ an unserem bisherigen Zenit, und wie es weiter geht, wird die Zukunft zeigen. So sehe ich die Entwicklung der Band. Da ich nur noch äußerst selten mich in der „Szene“ oder auf den entsprechenden Parties blicken lassen, kann ich zu der aktuellen Entwicklung wenig sagen. Mir persönlich gefällt dieser sehr harte Elektrosound (manche nennen es „Industrial“) nicht so sehr und ich finde zu viele Acts austauschbar. Das ist für mich ein relativ neues Phänomen. Wenn ich an die Ursprünge der deutschen Wave-Gothen-Elektro-Szene zurückdenke, dann fällt eben auf, dass die meisten Bands überhaupt nicht miteinander vergleichbar waren. Deine Lakaien, Wolfsheim, Das ich, Projekt Pitchfork, Girls Under Glass, Goethes Erben. Da sind musikalisch wirklich Welten dazwischen und trotzdem vereinen diese Bands verschiedene Menschen zu einer „Szene“. Das ist mir heutzutage ein bisschen zu austauschbar geworden. Musik hat heute allerdings auch eine ganz andere „Rolle“ als vor 10 oder 20 Jahren. Da hat sich einfach im gesammten Lifestyle und damit auch in der Bedeutung von Musik eine Menge getan. Das sehe ich nicht nur als „szene-spezifisches“ Problem an.
S-F: Beim Namen Volker Zacharias fallen einem natürlich auch noch zwei andere Bands ein: The Cassandra Complex und Trauma. Was ist mit den Bands los? Bist Du da noch beteiligt bzw. hat Trauma evtl. mal eine „Rebirth“ vor sich?
Bei Cassandra Complex habe ich mich aus Zeitgründen vor einer Weile ausgeklinkt. Ich halte es jedoch für unwahrscheinlich, dass die Band in der Versenkung verschwindet. Allerdings gibt es als „harten Kern“ nunmehr nur noch Rodney, der zurück nach England gegangen ist. Was er dort plant oder vorhat, entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn wir telefonieren, reden wir aber schon noch über CX und darüber, dass wir gerne mal wieder was Gemeinsames auf die Beine stellen wollen und sei es auch nur in Form von Konzerten. Da brodelt also noch was im Untergrund. Ob es zur Oberfläche durchbricht, ist im Moment eher fraglich. Hauke und ich hatten vor längerer zeit recht intensiv an neuen Trauma-Sachen gearbeitet. Allerdings haben wir die Arbeit zugunsten Girls und der 100%igen Konzentration auf die „Zyklus“ unterbrochen. Ich denke, bevor uns langweilig wird, werden wir sicherlich an den Trauma-Sachen weiterarbeiten, aber an Langeweile ist zurzeit echt nicht zu denken. Wir haben dermaßen viele Anfragen aus dem Ausland für Girls Under Glass und letztlich ist das Album noch nicht mal auf dem Markt. Ich denke mir, da wird noch eine Menge an Arbeit auf uns zu kommen, die wir auch gewissenhaft und gerne annehmen werden, um der „Zyklus“ wirklich optimale Chancen einzuräumen. Denn das hat sie verdient!
S-F: Wie sieht’s denn mit einer Livepräsentation des neuen Albums aus? Erste Tourdaten sind ja jetzt für Februar bekannt geworden.....
Du sagst es, ab Mitte Februar gibt es einige Gigs im Süden und Osten. Im April werden wir noch mal 2-3 Konzerte Nachschlag geben und uns danach auf die Festivals konzentrieren. Eine ausgedehnte Tour wird es jedenfalls nicht geben.
S-F: Wie wichtig ist Euch Live spielen überhaupt? Für manche Bands ist das ja das non plus ultra, andere wiederum treten gar nicht auf....
Wir spielen eigentlich sehr gerne live. Am liebsten vor ganz vielen Leuten und in großen Läden mit einer entsprechend teuren Lightshow, damit auch alle weggeblasen werden und hochzufrieden nach Hause gehen. Aber die Realität ist ja nun mal etwas trockener:
Konzerte sind ja auch ein wirtschaftlicher Faktor. Es sind eine Menge Leute unterwegs, die bezahlt werden wollen, die Band muss sich über Wochen auf die Gigs vorbereiten, der Veranstalter hofft, den Abend positiv abzuschließen und so macht das Unternehmen „Livegigs“ nur Sinn, wenn man sich sicher ist, dass es keine „blauen Augen“ gibt. Aber klar ist, dass Musik ohne die Fans, die sich dafür interessieren, keine Existenzberechtigung hat. Musik ist geben und nehmen. Deshalb wollen wir diese Begegnung, den direkten Austausch, das direkte Feedback auf die Arbeit und wir versprechen ALLES zu geben!
S-F: Was passiert dieses Jahr außerdem noch?
Wir werden viel im Ausland spielen und in Deutschland auf ein paar Festivals, so wie es ausschaut. Bis in den Herbst hinein werden wir jedenfalls gut zu tun haben. Wir sind sehr auf den Erfolg des Albums gespannt und werden versuchen, dem Erfolg nicht im Wege zu stehen.
Schon. Zur Zeit versuchen wir ein paar Konzerte klar zu machen, um Anfang des neuen Jahres eine kleine „Vitalizer“-Tour zu starten. Bis auf den Schweden-Gig Ende November steht aber noch nichts fest. Wer diesbezüglich was weiß, kann sich gerne bei uns melden. Wir kommen gerne auch in Deine Stadt.
© Sure-Face, december 2004
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