Girls Under Glass präsentieren dieser Tage ihr neues Album "Zyklus". Wir haben mit Volker Zacharias unter anderem über den fließenden Übergang vom Ende zum Anfang und der Weiterentwicklung trotz Wiederholung gesprochen.
re-flexion: Euer neues Album habt ihr mit "Zyklus" betitelt - wie hat sich dieser Titel gedanklich entwickelt?
Volker: Der Albumtitel "Zyklus" stand schon lange im Raum, auch ohne dass uns zu dem Zeitpunkt bereits klar war, dass es sich um das zehnte Album handelt.
Zunächst haben wir bei einigen der alten Girls Under Glass Klassiker mit der Endung „-us“ rumgespielt, z.B. bei „Humus“, „Christus“ oder „Darius“. Wir wollten also über den Namen alleine schon Assoziationen zu unseren Klassikern erwecken.
Hinzu kam, dass mir irgendwann bewusst wurde, dass wir das zehnte Album am Start haben, und das die „10“ in der Zahlenmagie eine bestimmte Bedeutung hat.
Die „1“ steht für den Anfang“ und die „0“ für die Vollendung. Die „10“ beschreibt also treffenderweise eine Sache im „Zyklus“. Ob es Zufall oder Eingebung war, kann ich im Nachhinein nicht mehr feststellen. Der Name trifft jedenfalls voll ins Schwarze.
re-flexion: Die CD ist eure erste Albumveröffentlichung auf Cellar Door, eurem neuen Label - erzähl doch bitte einmal, wann und warum ihr euch für die Zusammenarbeit mit einer neuen Plattenfirma entschieden habt und aus welchen Gründen die Wahl auf Cellar Door fiel?!
Volker: Wir haben nur sehr wenige Labels kontaktet, zumal wir ja mit unserem eigenen Label Aragon auch auf einige Erfahrungen zurückblicken konnten. So wussten wir, dass wir jemanden brauchen, der 100%ig hinter dem Album und der Band steht, gute eigene Ideen hat, ein Album in diesen schwierigen Zeiten am Markt durchzusetzen und der über ein gutes internationales Kontakte und Labelnetzwerk verfügt. Da blieb außer Dependent nicht mehr allzu viel über. Dass GUG nicht zu Dependent passt war aber von vornherein allen klar, deshalb hatten wir auch gar nicht mit einer Zusage von Stefan gerechnet. Da er aber dermaßen auf das Album abfährt, hat er sich kurzerhand entschlossen, ein neues Sublabel zu gründen, sodass er Dependent nicht musikalisch „verwässert“ und Girls Under Glass als bekannte „Marke“ wiederum den Namen Cellar Door ein musikalisches Profil geben können. Wir profitieren also beide davon und sind über unsere Wahl bislang wirklich happy.
re-flexion: Inwieweit seit ihr durch das Wissen um ein neues Label anders an die Arbeiten zum neuen "Zyklus" Album herangegangen?
Volker: Das Album war bereits fertig, als wir uns mit Stefan einigten. Stefan hatte allerdings noch einige Verbesserungsvorschläge, die wir im Studio dann umgesetzt haben. Nicht, weil GUG eine Band ist, die es ihren Labels recht machen will, sondern weil ähnliche Kritikpunkte bereits von unserem Produzenten kamen und wir diesbezüglich bereits offen genug waren, um diese Vorschläge auch gewissenhaft umzusetzen.
re-flexion: "Zyklus" fällt zuerst optisch auf, denn die CD weist das mit Abstand freundlichste und hellste Cover eurer bisherigen Veröffentlichungen auf - wie entstand das Cover und von welchen Aspekten habt ihr euch dabei leiten lassen?
Volker: Das Albumartwork ist eigentlich der Gegenpart zum Maxi CD Cover, beide zusammen bilden das Äquivalent, das „Yin und Yang“ einer Einheit.
re-flexion: Jedes Album heisst ja auch meistens musikalische Weiterentwicklung und Veränderung - wo und wodurch seht ihr selbst diese Punkte bei "Zyklus" realisiert?
Volker: Ich finde nicht, dass grundsätzlich jedes Album auch „Weiterentwicklung“ heißt. Ich kenne überwiegend Beispiele aus der Musikszene, wo die Entwicklung über lange Zeit auf der Strecke bleibt und die Bands ihre eigenen Formeln wiederholen. Dadurch schaffen sie es allerdings auch eine sehr starke Identität aufzubauen. Das ist GUG wiederum weniger gelungen. Dafür gehören wir zu den Bands, die sich in den 18 Jahren am stärksten entwickelt haben.
Ich denke, dass uns zu diesem Zeitpunkt gerade die freie Herangehensweise ohne Scheuklappen und ohne Zwänge ein Album beschert hat, welches definitiv zu den Besten von uns und evtl. auch seines Genres gehört. Wir haben lange Zeit genug mit Sounds und Einflüssen experimentiert, sodass wir uns nunmehr mit einem großen Erfahrungsschatz auf unsere Stärken und unsere Roots besinnen können, ohne old fashioned zu wirken.
Ich glaube, dass das Eine stets das Andere bedingt und hätte GUG eine komplett andere Entwicklung durchgemacht, wäre das Ergebnis dieses zehnten Albums ein gänzlich anderes geworden.
re-flexion: Auf der CD befinden sich zwölf Stücke - wie groß war euer Songpool, aus dem ihr die Songs für das Album letztlich ausgewählt habt?
Volker: Wir haben in der Pre-Studio-Phase, in der wir Song geschrieben und vorproduziert haben, etliche weitere Songkandidaten gehabt, die aber nicht einmal produziert wurden. Im Studio selber blieben noch mal ungefähr 3 weitere Songs auf der Strecke, die Qulaitativ nicht mithalten konnten oder bei denen uns die entscheidende „Eingebung“ fehlte. So insgesamt haben wir an rund 20 Songs gearbeitet, von denen zwölf auf dem Album und ein superguter Track, „Trust Me“ exklusiv auf der Single gelandet sind.
re-flexion: Die Songs des Albums werden sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache gesungen, warum habt ihr euch einmal mehr für diese Zweigleisigkeit entschieden?
Volker: Das ist keine bewusste Entscheidung, die ich da gefällt habe. Diese „Schranken“ haben für GUG noch nie existiert. Immerhin ist unser allererster Song aus dem Jahre 1986, nämlich „Humus“ ebenfalls deutschsprachig. Ich persönlich komme bei einigen Song manchmal mit der deutschen Sprache schneller zum Ziel.
Einige der Songs werden in englisch angetestet, für ungenügend gut befunden, umgeschrieben und später dann von einem deutschen Text begleitet. Mit dieser Herangehensweise habe ich als Sänger extrem gute Erfahrungen gemacht. Davon mal abgesehen gibt es doch etliche andere Bands, wie z.B. Oomph!, Wolfsheim oder Pitchfork, die ähnlich verfahren. Das finde ich jetzt also nicht so ungewöhnlich.
re-flexion: Erzähl doch bitte einmal von der generellen Entwicklung eines Girls Under Glass Titels - vom ersten Gedanken bis hin zur fertigen Produktion!
Volker: Das ist bei uns so unterschiedlich wie die Songs selber. Das hängt auch davon ab, wer die Ideen einbringt. Ich habe das wahnsinnige Glück, sehr gut beim Träumen kreativ zu sein zu können, d.h. mir fallen viele Ideen „im schlaf“ ein. Ich wache dann auf, singe diese Ideen kurz auf meine Mailbox oder aufs Diktiergerät und werte das dann einige Tage später mit Hauke zusammen aus. Auf diese Art sind schon wirklich viele Ideen entstanden.
Allerdings kann ich diese Phasen schlecht beeinflussen. Die Ideen zu Songs kommen jedenfalls absolut spontan. Wir treffen uns also nicht im Übungsraum, jammen rum und gucken was bei rauskommt. Hauke und Axel probieren viel zu Hause rum und arbeiten oftmals mit groben Songmustern bis dann auf einmal eine konkrete Idee daraus wird. Ich wiederum schüttel mir die Ideen eher beim Schlafen aus dem Ärmel.
Das Krasseste war, und das ist KEIN Scherz(!), als ich einmal ein komplettes Girls Under Glass Konzert geträumt habe. Ich kannte keinen von diesen Songs, habe zu jedem Song den Gesang und Text improvisiert und ich schwöre, es war ein absolut geniales Konzert! Ich konnte mich am nächsten Tag nur fragmentarisch an einen Song daraus erinnern und daraus ist dann „Truly Living“ geworden.
re-flexion: Als Vorab-Maxi-CD erschien "Ohne Dich" - was gab den Ausschlag für diesen Titel?
Volker: Das Problem bei diesem Album war tatsächlich, dass es viele potentielle Singles gibt und wir uns irgendwann entscheiden mussten, welcher Song ein bischen die Marschroute vom Album vorgibt und trotzdem auf dem Dancefloor funktionieren könnte. "Zyklus" ist ja nun nicht gerade fürs Tanzbein geschrieben worden. Das wirst du als Jemand, der das Album bereits kennt, sicherlich bestätigen können.
Es blieben drei Songs zur Auswahl und wir entschieden uns dann zusammen mit unserem Label halt für „Ohne Dich“, vielleicht auch weil ein deutschsprachiger Song immer noch ein wenig mehr „attention“ bekommt und mehr auffällt.
re-flexion: Gesanglich konntet ihr bei "Ohne Dich" auf die Unterstützung von Project Pitchfork Frontmann Peter Spilles zählen - wann kam euch die Idee, diesen Song als Duett einzuspielen und aus welchen Gründen fiel die Wahl dann eben auf Peter Spilles?
Volker: Schon während der Vorproduktionsphase, also als es noch eher um die Elektronik und die Sounds ging, fiel uns auf, dass der Song leichte „Pitchie“-Anleihen hatte, so rein von der Melodieführung. Das hatte uns nicht sonderlich gestört, weil niemand auf die Idee kommen würde, GUG und die Pitchies in einen Topf zu werfen.
Wir sind musikalisch schon erheblich anders, auch wenn Projekt Pitchfork heutzutage teilweise mit Gitarren arbeitet. Als wir dann die Idee für eine „Kollaborationssingle“ hatten und uns später für „ohne Dich“ als Auskopplung entschieden, fanden wir es konsequent, Peter zu fragen. Das war das Naheliegendste, und ich finde Peters Art, deutsche Sprache in seinen Songs einzusetzen ohnehin sehr gut. Von daher wusste ich, das er der richtige Mann für das Unternehmen sein würde.
Zum Glück fand er die Idee und den Song ebenfalls gut, sodass wir die Idee dann in die Tat umsetzen konnten. Peter hat dem Song noch mal einen guten Touch Aggressivität und Grummelgoth verpasst, was echt gut kommt.
re-flexion: Wird es eine weitere Auskopplung aus dem Album geben - und wenn ja, welcher Titel ist dafuer vorgesehen?
Volker: Ob es noch eine Single geben wird, wissen wir noch nicht. Das hängt wohl auch maßgeblich von dem Verkauf der ersten Single und des Albums ab, sowie von den weiteren Aktivitäten der Band. Wir haben noch einen Song als mögliche zweite Auskopplung ins Auge gefasst, aber dazu möchte ich mich noch nicht weiter äußern.
re-flexion: Inwieweit gibt es Pläne, "Zyklus" auch live zu präsentieren?
Volker: Ohja...diese Pläne gibt es tatsächlich. Wir werden bereits ab Mitte Februar einige wenige Soloshows spielen, auf denen wir neben dem neuen Album auch viele ganz alte sachen spielen werden, die wir bislang nur äußerst selten oder gar nicht live gespielt haben. Wir haben einfach mal Lust auf „das etwas andere Programm“.
Wir werden mit dem Set versuchen, einen möglichst emotionalen Eindruck zu hinterlassen. Auf den Festivals, die geplant sind, werden wir es eher krachen lassen. Das wird also eine etwas andere Nummer. Genaue Dates haben wir aber auch hierzu nicht. Und: Aufgrund der zahlreichen Anfragen werden wir viel im europäischen Ausland spielen.
re-flexion: Dann wünsche ich euch viel Erfolg für das Jahr 2005 - und bedanke mich für das interessante Interview.
Volker: Ich bedanke mich ebenfalls für das Interview und wünsche Euch und den Lesern ein ereignisreiches, spannendes und gutes Jahr 2005.
© Ingo Möller, Re-Flexion, 01.2005
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