GIRLS UNDER GLASS

 

Interview mit Hauke und Volker, 03.07.2006

Eigentlich schwer vorstellbar: Seit nunmehr 20 Jahren gibt es diese Hamburger Band schon.
Obwohl den Girls Under Glass der ganz große Durchbruch bis heute verwehrt blieb, sind sie schon längst unverzichtbarer Bestandteil der deutschen Wave & Gothik-Szene, gingen unbeirrbar stets ihren eigenen Weg.
Zum 20jährigen Jubiläum gibt es den Girls Under Glass und es wurde dringend Zeit für eine ausführliche Retrospektive…

Auch nach 20 Jahren ist es fast unmöglich, die Girls Under Glass stilistisch zu definieren und zu fassen.

Der Nukleus um Volker Zacharias alias Zaphor, Hauke Harms und Axel Ermes hat stets neue Elemente aufgesogen, ohne sich vereinnahmen oder eine trendgerechte Stilistik dominieren zu lassen, so dass der rote Faden oftmals nur für den wahren Fans erkennbar war.

Insofern hatte man es bei den Girls oder Glass von Anbeginn mit einer Band zu tun, die von Kritik und nicht zuletzt von Kollegen hochgeschätzt wurde, deren Image und Grundausrichtung aufgrund der stetigen Hakenschläge oft zu diffus und schwer greifbar blieb.

Für Zaphor im Rückblick eine sehr positive Tatsache…

Zaphor: „Ich denke, das verbindende Element ist die Tatsache, dass wir bisher nie den großen Erfolg hatten, der uns dazu verleitet hätte, bei der Produktion darauf zu achten, eine bestimmte Zielgruppe zu bedienen oder im Druck gewesen wären, eine bestimmte Summe Geld einzuspielen, weil die Plattenfirma im Vorfeld viel investiert hat.
Dieser Kommerz-Zange sind wir immer entgangen.
Wenn Bands wie Project Pitchfork oder Deine Lakaien 40.000 Alben verkaufen und von diesem Verkauf sehr viele Leute leben müssen, steht man unter einem ganz anderen Druck und geht zwangsläufig mehr Kompromisse ein.
Uns war es immer egal, ob wir nun 4000 oder 6000 Alben verkaufen. Viel mehr sind es nie geworden, aber viel weniger eben auch nicht. Diese Situation gibt uns eine große künstlerische Freiheit und die Möglichkeit, Girls Under Glass immer neu zu definieren.
Nach dem Ausstieg unseres ersten Sängers Tom Lücke nach dem ‚Flowers’-Album besteht die Band bis heute eigentlich nur aus drei Personen – und dieser Kern ist eine große Konstante. So konstant, dass wir es uns immer erlaubt haben, mit vielen Gastmusikern, wie z.B. Peter Heppner von Wolfsheim oder Peter Spilles von Project Pitchfork zusammen zu arbeiten.
Natürlich haben sich Axel, Hauke und ich in den letzten Jahren als Künstler und Menschen sehr entwickelt. Das Geheimnis ist, dass wir privat nicht viel miteinander zu tun haben, manchmal sehen wir uns nur zweimal im Jahr. Und jedes Mal, wenn wir ein neues Album aufnehmen, gibt es erstmal eine Bestandsaufnahme. Jeder schaut, wie die Entwicklung und die Geschmäcker des anderen aussehen – und dann wird versucht, diesen Status Quo unter einen Hut zu bringen.
Wir sind drei Individuen, die unterschiedlicher nicht sein können. Hauke entdeckt momentan z.B. Bands wie Radiohead oder Sigor Ros für sich und ist musikalisch völlig anders orientiert als ich. Und das macht es so spannend.
Bei dieser Arbeitsweise und vor diesem Hintergrund nehmen auch szenetypische Attribute immer weniger Platz ein. Ich kann nicht behaupten, dass ich mit der Gothic-Szene noch irgendetwas zu tun habe, darum fällt es auch sehr leicht, immer wieder neue musikalische Einflüsse in die Musik zu integrieren. Und diese Offenheit war seit jeher unsere Stärke. Wir waren nie eine Szene-Band, hatten deshalb auch nie Identifikationsprobleme. Unsere Existenzberechtigung liegt gerade darin begründet, dass die Leute sich immer neu entscheiden können, ob sie den jeweiligen neuen Weg von Girls Under Glass nun mitgehen, oder eben nicht. So funktioniert es.“

Wobei man natürlich ketzerisch fragen könnte, wo denn dann die künstlerische Identität zu finden ist.

Hauke Harms: „Unsere Art Songs zu schreiben hat sich seit der 'Flowers' nicht grossartig verändert.
Songs von der 'Flowers' oder 'Positive' hätten ebensogut auch auf der 'Zyklus" sein können.
Nur die Verpackung der Songs hat sich an die jeweilige Zeit angepasst. Songs wie 'Flowers', 'Love As A Symbol' oder auch 'Feuerengel' sind hier ein sehr gutes Beispiel, aber auch bei den Popsongs wie 'Never Go' oder "Truly Living' verhält es sich so"

Den größten Erfolg hatten die Girls Under Glass ironischerweise mit dem 98er Album „Firewalker“, das sehr stark von dem damals angesagten Electro-Gitarren-Crossover a la Nine Inch Nails inspiriert wurde…

Zaphor: „Bei unserer Geschichte mag der rote Faden nicht unbedingt erkennbar sein, doch wir haben immer sehr darauf geachtet, dass ein Album in sich stimmig und schlüssig ist. Wir wissen nie, wie es weiter geht und wie das Nachfolgealbum klingen wird. ‚Firewalker’ ist insofern eine Ausnahme, weil wir uns da mehr oder weniger bewusst in eine Sackgasse begeben haben. Diese Sackgasse hat uns aber auch gezeigt, was wir definitiv nicht mehr wollen und wo unsere wahren Stärken liegen. Girls Under Glass wären zu einer Metal-Band geworden, wenn wir den Weg von ‚Firewalker’ weiter gegangen wären. Doch das können andere Bands besser – und das sind auch nicht wirklich wir.
Unsere Stärken sind eigentlich nach wie vor melancholische Popsongs, Stücke wie ‚When I Think About You’ oder ‚Reach For The Stars’. ‚Firewalker’ kam nur zustande, weil wir uns einer bestimmten Strömung etwas zu weit geöffnet haben, ohne es selbst mit genug eigenen Ideen zu füllen. Es war unser erfolgreichstes Album – aber auch das, mit dem wir uns am wenigsten identifizieren können. Und wir haben uns sonst immer auf unser Bauchgefühl verlassen.“

Hauke Harms: „Das kann ich so nicht stehen lassen. Ich finde das Album sehr gut und es beherbergt einige meiner persönlichen Girls Under Glass-Lieblingssongs wie 'The Bitter End', 'Burning Eyes' oder 'Sick Of You". Es sind zum Grossteil typische Girls Under Glass-Songs, nur etwas zu trashig produziert."

Wie sieht die Rollenverteilung bei Künstlern aus, die seit Jahrzehnten in immer derselben Besetzung zusammen arbeiten? Ein eheähnliches Verhältnis?

Hauke Harms: „Seit der Gründung der Band bin ich mit meiner Frau zusammen und ich muss sagen, dass sich die Phasen in beiden Beziehungen sehr stark ähneln, was Euphorie, Gewohnheit und Machtkämpfe angeht. Es ist also schon ein 'eheähnliches Verhältnis' , auch wenn man sich nicht täglich sieht."

Zaphor: „Es gibt keine konstante Rollenverteilung. Mal bringt sich der eine mehr, der andere weniger ein.
Bei der Produktion von ‚Minddiver’ z.B. habe ich mich stark zurückgezogen. Hier waren Hauke und Axel die dominierenden Parts, auch weil sie der Meinung waren, dass es ein Album werden sollte, auf der die Gitarren eine eher untergeordnete Rolle spielen sollen, was mir nicht ganz so gepasst hat. Es hat sehr lange gedauert, bis ich mich in ihre Ideen hineingedacht habe und mich damit anfreunden konnte.
Die ‚Zyklus’ dagegen ist eher mein Ding, da hatte ich in Zusammenarbeit mit Hauke sofort den Zugang.
Die Schwerpunkte und die Einflüsse der einzelnen Musiker schwanken sehr stark von Platte zu Platte. Das hängt nicht nur mit dem Geschmack zusammen, sondern auch mit der persönlichen Situation, der Zeit, die man mitbringt – oder auch mit Dingen, mit denen der Einzelne sonst noch beschäftigt ist.
Zur Zeit der ‚Minddiver’-Produktion z.B. hat Axel viele Bands wie VNV Nation, Suicide Commando oder Covenant live gemischt – und das hintereinander.
Er hatte quasi ein Jahr lang keine Gitarre mehr gehört und war fasziniert, mit welchen einfachen Mitteln man die Leute begeistern kann und frustriert darüber, wie schwer es dagegen eine Band wie Girls Under Glass hat, die eher auf Atmosphäre und Popsongs setzt und über 90 Minuten um die Gunst des Publikums kämpfen muss. Wir sind eben keine ausgesprochene Tanzband – und Axel wollte versuchen, die Girls in eben diese Richtung zu drängen. Das hat für mich die Arbeit an ‚Minddiver’ sehr schwierig gemacht.“

Es kommt nicht zuletzt darauf an, wie man „Tanzbarkeit“ definiert.
1990 waren Girls Under Glass mit einem Album wie „Positive“ nicht nur tanzbar, sondern auch Pioniere – exerzierten sie doch schon damals perfekt den Electro-Gitarren-Crossover, der erst später zum angesagten Trend wurde…

Zaphor: „Dieses Moment gab es auch schon auf den Alben davor, aber kam erst auf der ‚Positive’ richtig zum Vorschein, nicht zuletzt, weil es von Rodney Orpheus von Cassandra Complex produziert wurde, der in dieser Hinsicht ja schon selbst Pionierarbeit geleistet hatte. Er hat uns auch mental sehr stark beeinflusst und auf einen bestimmten Weg geführt, weil wir uns zu diesem Zeitpunkt, nach dem Weggang unseres Sängers Tom Lücke, eh neu definieren und positionieren mussten.
Wenn ich mir ‚Positive’ heute anhöre und z.B. mit einem Album wie ‚Pretty Hate Machine’ von den Nine Inch Nails vergleiche, dann sehe ich da große Parallelen, die mir damals gar nicht so bewusst waren.“

Die Zusammenarbeit mit Rodney Orpheus führte zu einer lange Jahre währenden Freundschaft, die letztendlich auch dazu führte, dass Zaphor Gitarrist bei Cassandra Complex wurde...

Zaphor: „Meine Rolle in Cassandra Complex war eine total andere. Ich stand da als Gitarrist in der zweiten Reihe und konzentrierte mich stark auf meine Songwriterfähigkeiten. Hier war ich kein Sänger, und das ist der wesentliche Unterschied. Wenn ich Songs für Girls Under Glass schreibe, dann aus der Warte des Sängers. Der Gesang ist für mich sehr wichtig. Wenn der nicht funktioniert, ist der Song gestorben, mit dem Sänger steht und fällt die Platte. Bei Cassandra Complex konnte ich Ideen beisteuern und war darauf angewiesen, dass der Ball aufgenommen wurde, den ich zugespielt habe. Da war ich also nicht Mittelstürmer, sondern der Libero, der einen guten Pass zuspielt und hofft, dass er in ein Tor verwandelt wird. Und in dieser Rolle habe ich viel gelernt.
Es wurde immer dann problematisch, wenn ich wirklich eine sehr gute Idee hatte und Cassandra Complex diese Idee zu einem Mördersong gemacht haben. Da habe ich mich schon des Öfteren gefragt, warum ich diese Idee nicht für Girls Under Glass verwendet habe.
Und stilistisch soweit entfernt waren beide Bands ja nicht. Ich konnte bei Cassandra Complex nicht viel mehr ausleben als bei Girls Under Glass – und letztendlich standen beide Bands immer etwas in Konkurrenz zueinander.“

Das war bei Trauma – dem Girls Under Glass-Nebenprojekt von Zaphor und Hauke Harms völlig anders.
Dieses heute leider fast vergessene Projekt wurde Anfang der 90er Jahre ins Leben gerufen und konzentrierte sich ausschließlich auf die rein sphärischen, elektronischen Aspekte des Girls Under Glass-Universums und erweiterte diese zudem.
Ein Grund, warum Zaphor und Hauke Harms Trauma als separates Projekt initiierten, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass vor allem beim ersten Album „Fractal 1“ typische Songstrukturen fehlten und in ihrer Ausrichtung und Flächigkeit vielmehr an elektronische Pioniere wie Tangerine Dream oder Klaus Schulze, aber auch an die damals sehr innovativen Clock DVA erinnerten…

Zaphor: „Trauma entstand direkt nach dem ‚Darius’-Album von Girls Under Glass. ‚Darius’ war in sich schon ein sehr vielfältiges Werk, dessen Bandbreite von harten Gitarren bis zu fast reiner Elektronik reichte. Für mich grenzte diese Vielfältigkeit beinahe an Inkonsequenz, denn es wurden sehr viele Pfade beschritten, aber nicht ganz zu Ende gegangen. Mir ging es darum, vor allem unsere elektronischen Einflüsse und Wurzeln noch mehr zu verdeutlichen und zu verarbeiten.
Ich war ein großer Fan von Clock DVA und Hauke stockte seine Klaus Schulze-Sammlung immer mehr auf.
Hätten wir damals Trauma nicht gegründet, wären Girls Under Glass an diesem Scheideweg sicher zu einer reinen Elektronik-Band a la De/Vision geworden. Da bin ich mir ziemlich sicher.
Zu der Zeit hatte Hauke Girls Under Glass innerlich schon ad acta gelegt und sich auf sehr sphärische, filmische Musik konzentriert, kam aber mit der Realisation nicht so recht weiter, bis er mich anrief und mich bat, mir das Material einmal anzuhören.
Ich war vor allem von der Atmosphäre begeistert, wusste aber auch, dass das mit Girls Under Glass nichts zu tun hat.
Das änderte sich später ein wenig, denn auf dem letzten Girls Under Glass-Album ‚Zyklus’ befindet sich das Stück ‚Wonderworld’, das ursprünglich ein Trauma-Stück war…
Dennoch bleibt zumindest das erste Trauma-Album ‚Fractal 1’ wirklich einzigartig, denn hier wurde unsere Vorliebe für kalte elektronische Musik der 70er Jahre mit sehr neuen, zeitgemäßen Elementen verbunden.
Leider hat sich das Projekt danach verselbstständigt und ausgereizt. Die Nachfolger ‚Construct’ und ‚Phase III’ sind beileibe keine schlechten Alben, doch sie besitzen schon wieder Elemente und Strukturen, die man auch mit den Girls hätte verwirklichen können. Der elementare Impuls, der zur Gründung des Projekts führte, war nicht mehr da. Wir haben es noch eine zeitlang versucht, doch Trauma wurde schnell zu einem konstruierten Projekt, das seinen ursprünglichen Reiz verloren hatte. Darum hat sich das Thema nach dem dritten Album auch erledigt.“

Was war für Zaphor die wichtigste und persönlichste Produktion in den 20 Jahren von Girls Under Glass?

Zaphor: „Auch wenn es üblich ist, dass man als Musiker immer das letzte Album für das wichtigste hält, ist es bei mir tatsächlich so, dass die ‚Zyklus’ für mich die größte Bedeutung hat. Das Album ist in einer Phase entstanden, in der ich sehr viele private Dinge aufzuarbeiten hatte – und das hat sich sehr direkt auf die Musik und die Texte niedergeschlagen, so direkt, wie es bei den anderen Alben bisher nicht der Fall war. Und es geht mir immer noch sehr nahe, wenn ich mit meiner Gefühlswelt, so wie sie auf dem Album zu hören ist, heute konfrontiert werde. ‚Zyklus’ ist das Album, mit dem ich mich am meisten identifizieren kann.
Berührend in unserer Karriere waren zudem unsere Auftritte beim ‚Wave & Gotik-Treffen’ in Leipzig. Die einzigartige Atmosphäre dort hat uns immer umgehauen – und wir haben selten ähnliches erlebt.
Es gab viele emotional sehr starke Momente. Ich vergesse nie den Augenblick, als wir zu unserem letzten Auftritt mit unserem ersten Sänger Thomas Lücke vor 600 Leute auf die Bühne gingen und er uns kurz zuvor bekannt gab, dass dies sein letzter Auftritt sein wird.
Auch wenn das damals für uns eine Katastrophe war, bin ich froh, das erlebt zu haben, denn in einem normalen Leben wirst du mit extremen Situationen solcher Art eher weniger konfrontiert.
Und trotz der Tatsache, dass wir nie über die Maßen erfolgreich waren, sehe ich es als Privileg an, so viele tolle Leute und Bands kennen gelernt zu haben, die uns immer wieder Impulse gaben, weiter zu machen. Wir sind eine glückliche und erfolgreiche Band, weil wir Erfolg nie von Verkaufszahlen abhängig gemacht haben.“

Ein Privileg wird den Girls Under Glass auch im August zuteil, wenn sie beim traditionellen M’Era Luna-Festival in Hildesheim auf der Hauptbühne 20 Jahre Bandgeschichte Revue passieren lassen – und sich dabei auch bewusst sein dürften, dass einige der dort anwesenden Besucher noch nicht einmal geboren waren, als das erste Girls Under Glass-Album veröffentlicht wurde.
Gerade weil Zaphor als Musiker und Mensch in den letzten 20 Jahren eine große Entwicklung durchgemacht hat, wäre es interessant zu erfahren, wie er zu den vor allem textlich juvenilen Wutausbrüchen auf einem Album wie ‚Positive’ heute steht. Welche Distanz hat er mittlerweile zum eigenen Werk? Hält er die Aussagen eines Albums wie ‚Positive’ auch für den heute 20jährigen noch für relevant oder ist es nur noch Historie?

Zaphor: „Um ehrlich zu sein, muss ich doch sehr grinsen, wenn ich mir heute Songs wie ‚Revolution’ oder ‚Hate’ anhöre. Natürlich weiß ich noch, wie ich damals drauf war und in welchem Zusammenhang diese Texte entstanden sind – doch der Abstand dazu ist doch sehr groß und ich kann mich mit dem, was vor 15 Jahren statt gefunden hat, nicht mehr wirklich identifizieren. Man hat doch einiges dazu gelernt, man hat die ‚ernsthafte’ Geschäftswelt erfahren, man studiert, man heiratet, wird Vater und lernt, Verantwortung zu tragen. Diese bemüht sozialkritischen Texte mit ihren stichwortartigen Phrasen von damals entlocken mir heute wirklich nur noch ein Schmunzeln. Damals war man ja gegen alles und ich kann nicht sagen, dass das für mich heute noch eine Bedeutung hat.“

Doch ist es nicht auch ein schönes Erlebnis anhand dieser gelebten Geschichte noch einmal vorgezeigt zu bekommen, wie man sich damals gefühlt hat?

Zaphor: „Auf jeden Fall! In dem damaligen Kontext war das völlig in Ordnung und auch ein Teil von mir. Nur halt auf einem anderen Stand der persönlichen Reife formuliert. Je älter ich werde, desto mehr schotte ich mich von den so genannten ‚weltlichen’ Dingen ab, vielleicht auch etwas resigniert, weil ich begriffen habe, dass es für den Einzelnen sehr schwer ist, globale Dinge zu ändern. Das ist auch ein Grund, warum meine Texte heute nur noch persönliche Erfahrungen beschreiben.
Ich glaube auch nicht, dass ein Album wie ‚Positive’ für einen heute 18jährigen noch eine Relevanz besitzt. Ohne jemandem zu nahe zu treten, möchte ich doch behaupten, dass sich in der Szene in den letzten 20 Jahren sehr viel getan hat und dass es heute eher angesagt ist, Party zu haben und zu tanzen, anstatt sich mit Sinnfragen zu beschäftigen oder Inhalten nachzugehen. Das fängt ja schon damit an, dass Gesang fast nur noch durch den Verzerrer gejagt wird. Für mich ist das eine sehr extreme Entwicklung, der man allerdings Rechnung tragen muss. Alben wie ‚Positive’ oder ‚Darius’ entsprechen einfach nicht mehr dem Zeitgeist. Ich glaube, das Thema ist tot.“

Dennoch wird zum 20jährigen Jubiläum eine DVD erscheinen, die die ganze Geschichte der Band en detail aufarbeitet…

Zaphor: „Es werden über 3 Stunden Material zu sehen sein. Das war ursprünglich gar nicht geplant, aber wir haben auf unserer Homepage unsere Fans gebeten, uns alles Livematerial zu schicken, das sie haben. Das hat dazu geführt, dass wir über 100 Stunden Material sichten mussten und haben davon eine 45minütige Dokumentation gemacht. Es sind Liveauschnitte und Statements der Leute zu sehen, die die Band begleitet haben, sowohl von damals als auch von heute. Dabei übrigens auch ein aktuelles Interview mit Thomas Lücke, in dem er sich zu seinem damaligen Ausstieg äußert, dazu gibt es das komplette Konzert in 5.1-Format vom letztjährigen WGT und diverse Videoclips.
Abgerundet wird das von einer Audio-Live-CD.
Es ist eine runde Chronologie, die wirklich alle Stationen berücksichtigt auch unsere Aktivitäten neben den Girls
Zum 20jährigen Jubiläum war das einfach mal fällig.“

© Ecki Stieg, grenzwellen.com, 03.07.2006

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